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Paraguay: Mit dem 2CV durch den Chaco

Ziel meiner Fahrt nach „Coronel Oviedo“ war das Zuhause von Walter Schäffer, der geführte Touren mit der 2CV-Ente oder dem Land Rover zu allen Nachbarländern und natürlich auch innerhalb von Paraguay anbietet. Seine Web-Site zeigt sehr gut, was für Reisen man mit ihm machen kann. Da seine Fahrzeuge sehr alt sind, haben sie weder Klimaanlage noch schicke Sitze. Es geht spartanisch und urwüchsig zu. Wem das nichts ausmacht, den erwartet eine tolle Reise mit einem sehr netten und ebenso kundigen Reiseleiter.

Der Plan mit Walter war es den „Chaco“ zu ergründen. Da Walter seit 29 Jahren in Paraguay lebt und auch schon viel im Chaco gejagt hat, kannte er diesen wie seine Westentasche. Der Chaco selber ist eine sehr dünn besiedelte Region im Nordwesten von Paraguay. Aufgeteilt in die drei Departamentos „Presidente Hayes“, „Alto Paraguay“ und „Boqueron“ wohnen auf einer Fläche von ca. 248 Tausend Quadratkilometern 143 Tausend Einwohner. Das macht ca. 1,7 Einwohner pro Quadratkilometer. Im Vergleich zu dieser Zahl: Deutschland hat 229 Einwohner pro Quadratkilometer und ist nicht viel größer.

Der Lesende wird sich jetzt fragen: Was treibt einen in den Chaco, in the „Middle of Nowhere„? Die Antwort ist vielschichtig, zwei Gründe seien hier genannt: Mich reizen solch verlassene Landstriche aufgrund ihrer Weite und Ursprünglichkeit. Außerdem hatte ich von den deutschstämmigen Mennoniten gelesen, die vor 80 Jahren von Russland aus religiösen sowie wirtschaftlichen Gründen geflüchtet sind und einen Teil des Chaco landschaftlich mit viel Arbeit erschlossen haben. Denn der Boden im Chaco besteht nur aus Lehm und nimmt kein Wasser auf, so dass beim Regen alles überschwemmt wird. Außerhalb der Regenzeit trocknet er jedoch schnell aus und es entsteht eine staubige Wüste. Steine gibt es außer an einem besonderen Ort überhaupt nicht, damit fehlt jegliches Baumaterial für feste Häuser und Straßen.

Nach kleineren Reisevorbereitungen am Donnerstag sowie einen Abstecher nach „Villarrica“ mit Steffie, die sich gerade mit ihrem Mann in Cornel Oviedo niedergelassen hat, ging es dann am Freitag früh los. Wir hatten eine lange Anreise vor uns, insgesamt 470 km, also sind wir um 7 Uhr losgefahren. Die erste Pause haben wir dann im Chaco, 50 km hinter der „Remansobrücke“, eingelegt und uns dabei gleich festgefahren. Walter und ich haben nicht gesehen, dass die Wiese mit dem hohen Gras unter Wasser stand. Kein Problem, denn den Wagen haben wir mit den beiden Sandblechen schnell rausbekommen.

Abends haben wir dann hinter „Pozo Colorado“ unser Tagesziel „Buffalo Bill“ erreicht. Dies ist eine alte Ferienanlage zu denen früher die vermögenden Paraguayos kamen um es sich hier gut gehen zu lassen. Inzwischen total zerfallen wurde sie von einem jungen Paraguayo mit seiner Frau und seinem Säugling bewohnt, damit hier nicht alles geklaut wird. Der langsam denkende Bursche konnte mit 50.000 Guaraní dann dazu überredet werden, uns auf dem Platz zelten zu lassen und auch noch eine Dusche bereitzustellen. Die Dusche tat gut nach der Schlammschlacht zur Befreiung der Ente. Gegen die Mücken hat Walter dann gleich ein Feuer gemacht. Nach zwei Stunden fing es an zu regnen, unserer guten Laune und dem leckeren Essen, was wir uns gegrillt hatten, tat das aber kein Abbruch.

Die Mücken wurden jedoch zu einem Problem: Trotz Regen und Feuer waren sie aggressiv und stachen, wo nur ein wenig freie Haut zu finden war. Ich hatte feste Schuhe angezogen, die Regenjacke und natürlich eine lange Hose an; so ließ es sich aushalten. Nachts jedoch, als ich leicht bekleidet aus meinem Zelt gekrabbelt kam, um ein kleines Geschäft zu verrichten, kamen sie trotz Regen in Schwärmen auf mich zugeflogen. Sie haben mich wirklich gründlich zerstochen. Das wäre noch zu ertragen gewesen, aber als ich in mein Zelt zurück kehrte, war dies ebenfalls voll von diesen Blut saugenden Monstern. Alle Versuche sie auszuräuchern, tot zu schlagen oder anderweitig rauszuekeln schlugen fehl. Ab morgens um 4 Uhr war ich obdachlos.

Den Rest der Nacht habe ich dann vorm Feuer verbracht. Sobald ich jedoch den Rauch verließ, kamen sie wieder und wollten sich an mir belaben. Meine Füße habe ich dann in Schlamm getaucht, so boten sie wenig Angriffsfläche. Mein Gesicht, meine Hände und meine Arme habe ich mit Asche eingerieben, das half zwar wenig, stärkte aber meinen Kampfgeist (Mückenspray war dagegen vollkommen wirkungslos!). Belohnt wurde der Überlebenskampf dann mit einem wunderschönen Sonnenaufgang. Toll war es so weit draußen zu sein und wirklich nur Natur zu hören.

Als Walter aufstand mussten wir eine bittere Bilanz ziehen: Walter vollständig zerstochen, ich ebenfalls. An den offenen Köperstellen war auf jedem Quadratcentimeter ein Mückenstich. Etliche Mücken hatten es auch geschafft durch die Kleidung durchzustechen. Bei mir sind die Hände und Arme komplett angeschwollen. Nach einem spärlichen Frühstück haben wir dann die Flucht ergriffen.

Kaum im Auto und auf Reise war die Stimmung wieder gut. Wir sind den Trans-Chaco weiter bis „Mariscal Estrigarribia“ und dort von der festen Straße ab 40 km nach „Rosaleda“ gefahren. Dies ist ein kleines Dorf was von Schweizer Auswanderern vor ca. 20 Jahren gegründet wurde. Überwiegend Rentner und finanziell gut betuchte Aussteiger haben sich dort niedergelassen und sich schöne Anwesen mitten im Busch geschaffen.

Wir haben uns Rosaleda aber nur kurz angeschaut und sind dann gleich weiter zu Walter, Monika und deren beiden Kindern auf ihre 20 km entfernte Farm. Sehr ursprünglich. Walter hat 500 Hektar hier vor 10 Jahren gekauft, 50 davon hat er inzwischen gerodet und bewirtschaftet sie mit Viehzucht. Seiner Aussage nach kann man gut davon leben, muss nicht so viel arbeiten, reich wird man jedoch nicht. Monika hat sich gleich meiner Mückenstiche angenommen, einen “Aloe vera“-Zweig abgeschnitten (sieht aus wie eine Algarve) und den Saft auf die Haut aufgetragen. Das habe ich dann noch mal vor dem Schlafen gehen wiederholt, morgens nachgelegt und die Schwellungen sowie die ganzen Stiche waren weg. Super!

Geblieben sind wir nur über Nacht. Ich habe mein Zelt auf der Ladefläche von Walters LKW aufgeschlagen, da es dort überdacht war. Es gäbe noch viel von dem Besuch zu erzählen, ich möchte aber hier die Privatsphäre von unseren Gastgebern nicht verletzen. Wer Interesse an solch einem Leben hat frage mich einfach persönlich. Alles in allem war es hier sehr sehr nett mit den Vieren und ein tolles Erlebnis!

Vormittags haben wir nochmal einen Abstecher nach Rosaleda gemacht. Dort ist fast jeden Vormittag Stammtisch und da es Sonntag war, war er besonders gut besucht. Wir haben mit ca. 15 Bewohnern von Rosaleda zusammen gesessen und nett geklönt. Es wurde vom Leben dort erzählt, aber auch gefragt, was einen denn in diese Ecke verschlägt. Gelernt haben wir auch, dass man nicht für eine eMail den Stromgenerator anschmeißen kann. Da haben wir alle viel gelacht. Ich gebe zu, ich habe es mir einsiedlerischer vorgestellt. Aber die Bewohner von Rosaleda sind in ihrem Leben viel rumgekommen und haben sich sehr bewusst für das Auswandern entschieden. Auch sind sie nicht ganz unter sich geblieben sondern haben auch Deutsche und Holländer in ihre neue Heimat aufgenommen. Somit erschien es mir eine nette Gemeinschaft und ich habe mich sehr über die Gastfreundschaft gefreut.

Mittags ging es dann weiter in Richtung „Filadelfia“. Auf halbem Wege zum Trans-Chaco wurden wir vom Regen eingeholt. Auf diesen schlammigen Straßen können verbleibende 20 km dann sehr anstrengend werden. Die letzten 2-3 km sind wir nur noch im 1 Gang vorwärts gekommen. Das Hauptproblem ist dabei nicht, dass man sich fest fährt (was natürlich auch passieren kann), sondern, dass der Matsch so glatt wird, dass es den Wagen nicht mehr in der Spur hält. Es ist fahren wie auf dem Eis. Frontantrieb hat dabei einen leichten Vorteil gegenüber Allrad oder Heckantrieb, weil er den Wagen hinter sich herzieht. Um es kurz zu machen: Wir haben es gerade noch geschafft auf den asphaltierten Trans-Chaco zu kommen. Mitunter kann man auf den Pisten Tage festsitzen, bis der Schlamm wieder getrocknet ist und die Straße befahrbar wird. In Filadelfia sind wir entsprechend spät angekommen. Wir haben uns im „Hotel Florida“ einquartiert und sind von einem Deutschen Landsmann zu Pizza und Wein eingeladen worden. Es war eine nette und feucht-fröhlich Runde.

Am nächsten Tag bin ich dann rüber ins „Mennoniten“-Museum und habe mich über deren Geschichte kundig gemacht. Diese gebe ich hier im Kurzdurchlauf wieder: Die Mennoniten sind ursprünglich aus der Region Groningen und Ostfriesland als eigenständige protestantische Gemeinschaft ausgewandert, weil sie  sich nicht der Autorität des Staates unterwerfen lassen wollten. Bestes Beispiel hierfür ist die Wehrpflicht, die sie gemäß ihres Glaubens nicht praktizieren dürfen. Da sie als rechtschaffende Menschen bekannt waren, fanden sie eine neue Heimat in Russland und bekamen dort die für ihren Glauben notwendige Freiheiten. Dies währte immerhin 200 Jahre, bis die russische Revolution ihnen die Glaubensfreiheit sowie den freien Handel absprach.

Unter diesen Umständen suchten sie auf der Welt eine neue Heimat. Einige gingen nach Kanada, einige nach Brasilien und ca. 4000 Mennoniten ab 1931 in den Chaco. Vom internationalen Mennoniten-Dachverband und wohl auch mit Spenden aus Deutschland (persönlich auch von Reichspräsident von Hindenburg) erhielten sie das Nötigste um sich in dieser rauen Landschaft eine neue Existenz aufzubauen. In diesem Zuge wurde die Kolonie „Fernheim“ gegründet. Der Staat Paraguay gewährte ihnen einmal 50 und nochmal 30 Jahre volle staatliche Autonomie. D.h., sie mussten keinen Militärdienst ableisten, keine Steuern zahlen und durften ihre Kinder gemäß ihren Vorstellungen unterrichten (Religiös, in deutscher Sprache, usw.). Die neuen Bedingungen werden derzeit ausgehandelt.

Inzwischen sind die Mennoniten folglich 80 Jahren in diesem Land und haben viel vorzuweisen. Ihre Farmen werden modern bewirtschaftet und geben vielen Paraguayos sowie Indianern Arbeit. Imposant, was sie geschaffen haben. Besonders ihr Zusammenhalt, ihr Fleiß und ihre technische Aufgeschlossenheit hat dies möglich gemacht. Die Lehrerausbildung wird sogar vom deutschen Auslandsschulwesen unterstützt und Dozenten aus den Studienseminaren hierher abgeordnet.

Die gesellschaftliche Anerkennung der Mennoniten ist bei den Paraguayos sowie den anderen Deutschen/-stämmigen jedoch mäßig. Auf der einen Seite herrscht Anerkennung (aber auch Neid) über den ökonomischen Fortschritt, auf der anderen Seite erwirkt die streng religiöse und damit gesellschaftliche Abgrenzung (z.B. das Heiraten untereinander) Missgunst. Für mich war es erschreckend, wie besonders Deutsche/-stämmige sich ein abschließendes Bild über die Mennoniten gemacht haben, ohne jemals dort gewesen, geschweige denn mit ihnen gesprochen zu haben. Menschen, die sich als aufgeschlossen betrachten, stolz darauf sind, dass sie es geschafft haben sich in einem neuen Land eine Existenz aufzubauen und sowieso nicht so sind wie die Anderen, adaptieren die im Land schweifenden Vorurteile ohne Widerspruch.

Wir sind dann noch eine Nacht in Filadelfia geblieben und haben es uns gut gehen lassen. Danach sind wir weiter nach Concepción und haben dort die Stadt angeschaut. Concepción ist eine besondere Stadt: Auf der einen Seite abgelegen, auf der anderen Seite eine Provinzhauptstadt mit besonderem Flair. Der Hafen hier ist Umschlagplatz für alle möglichen Handelsgüter nach Asunción und Brasilien. Damit wird hier gut Geld verdient. Die Stadt ist durchdrungen mit kolonialem Baustil und man sieht häufig Pferdewagen. In den Nebenstraßen weiden die Tiere einfach auf der Straße. Trotzdem ist Concepción äußerst lebendig und durchaus auch modern, weil viele Händler, Motorräder und Autos die Stadt bevölkern. Wir sind aber nicht lange geblieben sondern 20 km weiter nach Belen gefahren. 1 km vor unserem Ziel und dem Ende der Reise hatten wir noch einen Platten. Den haben wir dann fachmännisch und mit Hilfe von zwei Zigaretten gewechselt 😉 Vielen Dank Walter, für den tollen Trip!!!

Um die Bilder aufzurufen, müsst ihr auf oben links das Bild klicken.

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